11. November 2017

In Rio de Janeiro

Am 7.11.2017, nach drei Tagen im Hafen von Vitorià, lief die Grande Amburgo, mit einem neuen Kapitän an Bord, aus. Anstatt 24 Stunden wie geplant, hatte der unfreiwillige Aufenthalt 72 Stunden gedauert. (Unser früherer Kapitän liegt im Spital der Stadt, wo er operiert wurde, bevor er nach Italien geflogen wird.) Der neue Kapitän, ein stattlicher Mann mit 30 Jahren Erfahrung, übernahm das Kommando. Er war noch keine zwei Stunden an Bord, als wir die Leinen lösten und ausliefen.

Am 8.11.2017, um 11.30 Uhr, tauchte vor den Bullaugen unseres Essraums die Silhouette von Rio, auf. Bald waren alle auf dem Oberdeck, um einen Blick auf den berühmten Corcovado zu werfen. Hier steht die Statue des Cristo Retendor (Erlöser), der die segnenden Hände über Rio hält. (Vor ein paar Jahren schlug ein Blitz in ihn ein – kein gutes Zeichen!) Vorbei ging’s auch am wohl berühmtesten Strand der Stadt – an der Copacabana. Allerdings waren wir zu weit entfernt, um eine Carioca (Einwohnerin von Rio) in ihrem Fil de dente (Zahnnseide = knappster Tanga) zu entdecken.

Um 13 Uhr wurden wir von Hamilton, einem Carioco abgeholt, der mit seinem Bus eine Sightseeing-Tour mit uns machen sollte. Als Erstes ging’s zum Maracaña-Stadion; dorthin wo die Brasilianer 2014 den Final gegen Deutschland mit 0:7 verloren. Daran erinnert sich kein Brasilianer gerne! Ich rieb es auch Hamilton mit grobem Salz ein. Doch er hatte genug Humor, um zu akzeptieren; dass ich ihn auf die Schippe nehme. Nächstes Ziel war der Sambodrom an den berühmtesten 800 Metern Strasse Rios zurzeit des Karnevals. Hamilton liess uns einen Blick hinter die Kulissen werfen – die Vorbereitungen für den nächsten Karneval waren bereits im vollen Gang. Viel davon ist geheim, denn keine der Sambaschulen (Blocos) lässt sich gerne in die Karten schauen – das Rätsel um Sujets und Kostüme wird bis zum letztmöglichen Termin nicht gelüftet! Der Karneval und seine weltweite Vermarktung sind zu einer eigentlichen Industrie geworden, die Tausenden von Cariocas Arbeit und Verdienst gibt.

Hamilton liess es sich nicht nehmen, uns die zweitälteste Kirche Brasiliens (Mosteiro de São Bento)  – die älteste steht in Ouro Preto  – von Rio zu zeigen, die im Jahre 1617 von den portugiesischen Eroberern gebaut wurde. Prunk wohin das Auge blickte. Gold und Silber, das man damals für etwas Besseres hätte investieren können – zum Beispiel, um den Armen eine bessere Ausbildung zu ermöglichen. Aber wer hat daran schon ein Interesse! Eine ungebildete Bevölkerung lässt sich besser steuern, als eine gut ausgebildete. Das bekommt auch die heutige brasilianische Regierung unter Temer zu spüren, die, wie die alte unter Dilma Rouseff und Lula da Silva, im Gegenwind steht. (Hamilton sagte uns, dass es möglich ist, dass das Militär die Macht übernimmt, um der allgegenwärtigen Korruption Herr zu werden – etwas das für das Land sicher nicht wünschbar ist!)

Anstatt der zweiten Kirche hätten wir uns lieber die Copacabana angeschaut. Doch Hamilton wollte uns unbedingt die grösste Kirche Rios zeigen, in der 2’500 Menschen Platz haben. (Ob die wohl jemals voll ist?) Als Nächstes wurden wir zur Escaderia de Selaron, gefahren. Es ist das Lebenswerk des chilenischen Künstlers, Jorge Selaron, der 1990 damit begonnen hat, Fliessen aus aller Welt zu sammeln und damit diese öffentliche Treppe zu schmücken. Unterdessen sind Fliessen aus über 150 Ländern zu sehen; die Treppe ist zu einer Touristen-Attraktion geworden. Der Künstler selbst, der unentgeltlich und über Jahre an dieser Treppe arbeitete, hat sich von ein paar Jahren – aus Gründen, die uns nicht bekannt sind – das Leben genommen. Wir stiegen die Treppe hinauf und auch wieder hinunter – ein Fitnesstraining nach den vielen Tagen an Bord. (Wir haben zwar einen kleinen Fitnessraum an Bord. Aber Ich bin kein Freund von geschlossenen Räumen und habe mich deshalb in den letzten drei Wochen aufs Pingpongspielen und auf ein paar morgendliche Übungen auf dem Oberdeck beschränkt. Getreu dem Motto von Winston Churchill, der meinte, dass Sport die tödlichste Sache der Welt sei!)

Dann ging’s auf den Corcovado. An der «Talstation» herrschte ein Gedränge wie in der Schweiz auf dem Jungfraujoch. Menschen aller Nationalitäten und aus aller Welt kommen hierher, um die Christusstatue zu sehen. Noch schöner ist allerdings die Aussicht, die man von hier oben hat. Im Gegensatz zu unserem ersten Besuch, im Jahre 2006, hatten wir schönstes Wetter! Was für ein Gewusel da oben – wie damals beim Bau des Tempels von Babylon, wenn dieser denn je stattgefunden hat! Wir nahmen uns eine halbe Stunde Zeit bevor wir uns auf den Rückweg machten.

Hamilton, dessen Fahrstil jenem des Formel-1-Fahrers mit gleichem Namens ähnelte, fuhr uns an den Strand von Copacabana. Der lag weit und sauber vor uns; doch inzwischen war die Sonne untergegangen und die Strand-Schönheiten waren nicht mehr anzutreffen. Schade! Auf dem Rückweg in den Hafen machten wir einen Zwischenhalt in einer Churrasceria wo wir Fleisch vom Feinsten und bis zum Umfallen assen. Die Beilagen (Reis (!), Bananen, Mais und Brot) liessen wir links liegen. Das Bier wurde in einem kleinen Glas und mit viel Schaum. serviert – bestellt hatten wir ein grosses. Inzwischen bin ich in Sachen Zeichensprache geübt und so hatte ich keine Mühe, dem Camarero (Kellner) zu bedeuten, dass wir gerne ein volles Glas hätten. Von mir aus auch eines ohne Schaum!

Um 21.45 waren wir im Hafen zurück. Die Grande Amburgo, wo uns ein Mitglied der Crew in Empfang nahm, lag immer noch vor Anker. Der Abschluss dieses unvergesslichen Tages bildete ein Schlückchen aus der Flasche, die mit Jacobi angeschrieben ist. Darin befindet sich ein deutscher Weinbrand, der ein paar Jahre in französischen Eichenfässern gelagert wurde. Tudo bem!